Älter als die Stadt: Der Spezialchemiekonzern Evonik in Rheinfelden gehört zu den Industrie-Urgesteinen am Hochrhein. Aktuell steht der Standort vor der Herausforderung, die Chemieproduktion in Deutschland zukunftsfähig zu gestalten. Ein Portrait.
Text: Julia Donáth-Kneer • Fotos: Alex Dietrich
Was hat Sydney mit dem badischen Rheinfelden zu tun? Die Antwort liegt im Stein: Das Gebäudeschutzmittel Protectosil, eine der bekanntesten Marken des Chemiekonzerns Evonik, wird in Rheinfelden produziert und ist im Bautenschutz seit vielen Jahren vertreten – unter anderem am Opernhaus in Sydney, am Holocaustdenkmal in Berlin oder an der Siegessäule auf dem Place Vendôme in Paris.
Evonik, einer der größten Spezialchemiekonzerne der Welt, hat seinen deutschen Hauptsitz in Essen, aber eine große – und geschichtsträchtige – Niederlassung in Südbaden, direkt an der Schweizer Grenze in Rheinfelden. 1200 Mitarbeitende der weltweit insgesamt 33.000 Beschäftigten sind hier tätig. Der Konzern ist ein Konglomerat verschiedener Chemieunternehmen – in Rheinfelden waren es Degussa und Hüls –, die sich 2007 mit anderen Beteiligungen zu der Marke Evonik zusammengeschlossen haben. Fußballfans kennen den Namen vor allem als Sponsor des Fußballclubs Borussia Dortmund.
Auf einer Fläche von 40 Hektar entstehen in Rheinfelden 250 Chemieprodukte, insgesamt stellt Evonik am Hochrhein 300.000 Tonnen jährlich her. Außer dem Betonschutzmittel Protectosil sind das unter anderem Kieselsäure, zum Beispiel für Zahnpasta, und Wasserstoffperoxid, das für die Computerchip-Herstellung oder zur Desinfektion von Joghurtbechern und Tetrapaks eingesetzt wird, sowie Natriumpercarbonat, das man für die Waschmittelproduktion braucht. „Evonik ist überall“, scherzt eine Mitarbeiterin beim Besuch auf dem Werksgelände. „Im Badezimmer, im Kühlschrank, sogar im Weltall.“ Damit hat sie nicht unrecht: Das in Südbaden produzierte Wasserstoffperoxid landet in seiner hochreinen Form in Anwendungen für die Raumfahrt.
Nah am Wasser gebaut
Die Wasserkraft lockte Ende des 19. Jahrhunderts die Industrie an den Rhein, die Stadt entstand erst später. Tatsächlich feierte Evonik bereits 125-jähriges Jubiläum, die Stadt Rheinfelden vergangenes Jahr erst den 100. Geburtstag. Der Ort ist quasi um das Chemiewerk herumgewachsen. Bis heute sind die Werkshallen nur durch die Straße von Wohnblocks getrennt. Wer aus der Fabrik tritt, sieht die bunt bepflanzten Balkone der Nachbarschaft. Dass sich die Menschen um die Firmen mit ihren Rohren, Schornsteinen, Sicherheitsgittern herum angesammelt haben und nicht umgekehrt, ist wohl eine der vielen Besonderheiten, die den Ort Rheinfelden an der südwestlichsten Spitze Deutschlands ausmachen.




Momentan wackelt es bei Evonik im Überbau etwas: 2023 erwirtschaftete der Mutterkonzern, der in mehr als 100 Ländern aktiv ist, rund 15,3 Milliarden Euro, das sind 17 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Essener Konzern hatte Anfang des Jahres einen Stellenabbau angekündigt – „davon überproportional viele Führungspositionen“, heißt es in der Pressemitteilung. In Deutschland seien etwa 1500 Stellen betroffen. In Rheinfelden entstehen viele Produkte für den alltäglichen Gebrauch, daher schaut Standortleiter Hermann Becker beim Gespräch mit Netzwerk Südbaden optimistisch in die Zukunft: „Wir sind mit unseren Produkten gut aufgestellt. Ich mache mir keine Sorgen.“ Ohnehin sei Rheinfelden eine besondere Niederlassung: 17 Prozent Frauen sind hier beschäftigt – „das sind ungewöhnlich viele für einen Produktionsstandort“, sagt Becker. Produziert wird im Mehrschichtsystemen rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche. Mit seinen 1200 Mitarbeitenden ist Evonik der größte industrielle Arbeitgeber der Stadt. 152 Auszubildende sind aktuell tätig, davon werden einige für andere Firmen geschult.
„Es bringt nichts, wenn wir grünen Wasserstoff produzieren, der dann so teuer ist, dass wir das in den Verkaufspreis der Produkte einpreisen müssten.“
Katharina Fraune
Die Zusammenarbeit am Hochrhein ist auch auf anderen Ebenen eng: Evonik gehört zum Gründungsteam des „Lokalen Bündnis für Familien“ in Rheinfelden, ist Mitglied beim Verein „Chemie und Pharma am Hochrhein“, einem Netzwerk der chemischen und pharmazeutischen Chemie, und engagiert sich im Bürgerdialog unter anderem mit einer Nachbarschaftszeitung. Vor den Europawahlen im Juni äußerte sich dort Hermann Becker zur politischen Lage in Europa, sprach sich vor allem gegen die AfD aus. Gleiches hatte Evonik-CEO Christian Kullmann bereits bundesweit getan.
Industrieabwärme zu verschenken
Vor einigen Jahren entstand in Rheinfelden ein ungewöhnliches Projekt gemeinsam mit den Stadtwerken Rheinfelden und dem Energieversorger Naturenergie, der zum damaligen Zeitpunkt noch Energiedienst hieß. In Kürze: Bei der Produktion von Kieselsäure entsteht 95 Grad heißes Wasser, das von Evonik nicht weiter in der Produktion eingesetzt werden kann. Früher wurde es zurück in den Rhein geleitet, nachdem es intern runtergekühlt werden musste. Nun gibt der Konzern die Abwärme an die Stadt Rheinfelden kostenlos ab. Über 900 Meter lange Rohrleitungen gelangt sie zur Zentrale von Naturenergie. Im dortigen Pumpenhaus wird sie ins Nahwärmenetze der Stadt verteilt und direkt in Wohnhäusern und Gewerbebetrieben genutzt. Rund 5 Megawatt Wärmeleistung kommen so zusammen, damit können sämtliche Firmengebäude von Naturenergie sowie bis zu 10.000 Haushalte in Rheinfelden mit Wärme und Warmwasser versorgt werden. Im Sommer, wenn der Bedarf sinkt, gewinnen Dampfturbinen aus der Wärme wieder Strom.
Evonik spart sich damit die Aufwände für die industrielle Kühlung der nicht genutzten Energie und hat mit dieser Win-win-Situation ein grünes Leuchtturmprojekt geschaffen, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Es sei ein „Herzensprojekt“, sagt Katharina Fraune, Leiterin nachhaltige Transformation, und erzählt von verschiedenen Studien, die der Chemiekonzern zu Nachhaltigkeitsthemen anstrebt: Es geht um Biomasse, um Wärmepumpen und grünen Strom. Derzeit laufe zum Beispiel ein Forschungsprojekt mit der Hochschule Pforzheim, das der Konzern mit rund 1,5 Millionen Euro unterstützt. Das Ziel: grünen Wasserstoff für die Produktion herstellen. „Damit könnten wir bis zu 50.000 Tonnen CO2 einsparen“, rechnet die Managerin vor. Für Evonik ein wichtiger Schritt, denn da der Konzern Wasserstoff als Rohstoff, zum Beispiel für Wasserstoffperoxid, nutzt und nicht als Energieträger einsetzt, sind die benötigten Mengen groß und alternativlos. „Es bringt aber nichts, wenn wir grünen Wasserstoff produzieren, der dann so teuer ist, dass wir das in den Verkaufspreis der Produkte einpreisen müssten“, erklärt Fraune.

Man sei im Austausch mit anderen großen Chemie- und Pharmaunternehmen der Region, die alle vor denselben Herausforderungen stehen: BASF, Novartis, Roche, DSM. Was sind die Bedarfe? Wer arbeitet woran? Wer braucht Wasserstoff wofür? Denn was alle Industriestandorte am Hochrhein betrifft: „Wir alle müssen einen Weg finden, dass für uns die nachhaltige Transformation gelingt – sei es mit grünem Wasserstoff, mit klimaneutralem Strom oder über andere Wege“, sagt Hermann Becker. Evonik plane ein Cluster mit den Mitbewerbern, will Unterstützung von der Landesregierung, noch steht eine Finanzierungslücke, so die Nachhaltigkeits-Managerin. Aber Katharina Fraune ist „optimistisch, dass wir die richtigen Hebel aktivieren können.“ Bislang habe man in Rheinfelden immer noch einen Weg gefunden.