Achern hat alles, was dem Gemeinwohl guttut: Arbeitsplätze, Wohnraum, Einzelhandel, Kultur und bald einen IT-Campus sowie ein neues Krankenhaus. Der scheidende Oberbürgermeister Klaus Muttach gibt Einblicke in die 27.000-Einwohner-Stadt, die er die letzten 16 Jahren mitgestaltete.
VON CHRISTINE WEIS
Da muss etwas geschehen“, dachte sich Klaus Muttach, als er die leerstehenden und heruntergekommenen Gebäude der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt sah. Und ihm war bei dem Gedanken schon klar: „Entweder ich schaffe das Projekt, oder das Projekt schafft mich.“ Das war im Jahr 2007 und Muttach frisch im Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Achern. Bei einem Gespräch im August erzählt der heute 60-Jährige von den schwierigen Anfangszeiten. Mittlerweile hat er sein Büro in der Illenau. Er hat es also geschafft und betont rückblickend, dass dies nicht allein sein Verdienst sei. Ohne das Rathausteam, das Engagement vieler Bürger und ohne Fördergelder wäre so ein millionenschweres Mammutprojekt nicht zu stemmen. Über 200 Millionen Euro wird die Revitalisierung der gesamten Anlage samt Illenauwiesen am Ende gekostet haben. Davon gehen etwa 150 Millionen Euro auf das Konto von privaten Investoren. Rund 20 Millionen Euro sind Landessanierungsmittel, den Rest finanziert die Stadt.


Der historische Gebäudekomplex der Illenau (benannt nach dem Fluss) ähnelt architektonisch einer Schlossanlage, war allerdings eine psychiatrische Klinik, die 1842 eröffnete. Im Zweiten Weltkrieg haben die Nazis die Anstalt für ihre Gräueltaten eingenommen. Ab 1940 wurden Illenau-Patienten in die „Vernichtungsanstalt“ Grafeneck bei Reutlingen deportiert und ermordet. Infolge gab es eine „Schule für Reichsdeutsche“, in der Kinder aus Südtirol und Polen „germanisiert“ wurden. Nach dem Krieg übernahm das Französische Militär die Anlage bis 1994, danach standen die Gebäude leer.
1999 kaufte die Stadt Achern das Gelände für drei Millionen Mark. Seit 2007 wird umgebaut und renoviert. 2009 zogen mit dem Baumt die ersten städtischen Verwaltungseinheiten ein. Aktuell werden Nord- und Südflügel des Hauptgebäudes als Rathaus genutzt. Der Mittelteil befindet sich noch im Umbau. „Dort eröffnet im April 2024 das Kulturforum mit der Musik- und Kunstschule als Herzstück der Illenau“ sagt Muttach, „und damit ist die Revitalisierung der Illenau abgeschlossen“.
„Achern ist eben flexibler und beweglicher als große Städte.“
Klaus Muttach, Oberbürgermeister von Achern

Den Abschluss der Illenau feiern die Acherner jetzt schonmal mit einem Open-Air-Festival in der letzten Septemberwoche und einem vielfältigen Kulturprogramm von Kabarett bis Konzert. Dann wird eventuell auch schon die neue Oberbürgermeisterin oder der neue Oberbürgermeister feststehen. Die Wahl ist eine Woche zuvor. Klaus Muttach tritt nicht mehr zur Wahl an. „16 Jahre sind genug.“ Am 3. November schließt er die Rathaustür hinter sich, dann gehört er mit 30 Amtsjahren als Rathaus-Chef zu den Dienstältesten seiner Zunft. Der gebürtige Ringsheimer, studierter Verwaltungsfachmann und CDU-Politiker, arbeitete beim Erzbischöflichen Ordinariat bevor er 1993 zum Bürgermeister von Seelbach gewählt wurde und dort 14 Jahre amtierte.
Wirtschaftsstandort
„Es ist wichtig, dass wir die Ansiedlung von neuen Arbeitgebern fördern und gleichzeitig die Bestandsbetriebe unterstützen.“
Klaus Muttach
Ein gut funktionierendes Gemeinwesen lebt von der Wirtschaftskraft. Arbeitsplätze und Leistung sorgen für Wohlstand: Das sind politische Leitsätze von Klaus Muttach. Daher sei die kontinuierliche Schaffung von Arbeitsplätzen in Industrie, Gewerbe und im Sektor Dienstleistung ein Hauptanliegen seiner kommunalpolitischen Arbeit.
„In den vergangenen Jahren ist der Anteil der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze bei uns um 30 Prozent von 10.000 auf 13.000 gestiegen“, rechnet der Bürgermeister vor. Mit den Stadtteilen Fautenbach, Gamshurst, Großweier, Mösbach, Oberachern, Önsbach, Sasbachried und Wagshurst hat Achern rund 27.000 Einwohner. Die Stadt liegt zwischen Baden-Baden und Offenburg und ist die viertgrößte Stadt des Ortenaukreises. Für viele Unternehmen ist die verkehrsgünstige Lage mit direkter Anbindung an die Autobahn A5 ein Pluspunkt Acherns.

Fotos: Alex dietrich

„Es ist wichtig, dass wir die Ansiedlung von neuen Arbeitgebern fördern und gleichzeitig die Bestandsbetriebe unterstützen“, betont Muttach. „Dank unserer überschaubaren Größe können wir in der Verwaltung kurze Wege gehen und Maßnahmen schnell umsetzen.“ Muttach macht dies anhand einiger Beispiele deutlich: Die Fischer Group, nach eigenen Angaben weltweit marktführender Hersteller hochwertiger Edelstahlrohre und -komponenten, hat Niederlassungen in acht Ländern über den Globus verteilt. Hauptsitz ist seit der Gründung 1969 Achern-Fautenbach. Nun habe das Unternehmen von der Gemeinde Flächen zur Verfügung gestellt bekommen, um zwei Windräder zu bauen. Aktuell beschäftigt der Mittelständler rund 2600 Mitarbeitende. Außerdem begleitet die Gemeinde die planerischen Genehmigungsverfahren. Windkraftanlagen sollen Fischer regenerativ und unabhängig von steigenden Energiekosten versorgen. Das international aufgestellte Unternehmen mit rund 2600 Mitarbeitenden kündigt die Maßnahme auch als einen Schritt in Richtung einer eigenen Wasserstoffproduktion vor Ort an.
Auch Stopa Anlagenbau hat eine alternative Energiequelle geplant. Stopa fertigt mit über 200 Mitarbeitenden auf einer Produktionsfläche von rund 13.000 Quadratmetern automatisierte Lagersysteme für Bleche und Langgutmaterialien. Durch die Photovoltaik-Überbauung ihres Mitarbeiterparkplatzes will die Firma künftig rund zwei Drittel des eigenen Stromverbrauchs decken. Auch hier konnte die Baubehörde laut Muttach rasch eine Genehmigung erteilen.
Weitere Acherner Traditionsunternehmen sind etwa Hodapp, Spezialist für die Fertigung von Stahltüren, und der Maschinenbauer Kasto, der unter anderem Metallsägemaschinen herstellt. Zu den erfolgreichen Firmen zählt auch „Scheck-In“. Das Familienunternehmen startete 1946 mit einem kleinen Lebensmittelladen in der Innenstadt und betreibt heute als selbstständiges Mitglied der Edeka Südwest 16 Märkte von Achern bis Frankfurt.
Gesundheitszentrum und IT-Campus
Im Zusammenhang mit Arbeitsplätzen verweist Klaus Muttach auch auf den Bau des neuen Klinikums mit 230 Betten samt Rettungswache und Notfallversorgung. Der Spatenstich ist am 14. September. 2028 soll der Betrieb mit etwa 800 Mitarbeitenden starten. Das Klinik-Projekt in Achern mit einem Investitionsvolumen von knapp 160 Millionen Euro wird neben Wolfach, Lahr, Offenburg zukünftig eines der vier medizinischen Versorgungszentren im Ortenaukreis sein. Zusätzlich sei ein Ärztehaus geplant, und es werde erwartet, dass sich im Umfeld der Klinik viele Fachärzte niederlassen. Die Entscheidung zugunsten von Achern im Rahmen der Agenda 2023, erklärt Muttach, sei auf die vorausschauende Planung zurückzuführen. „Das Baugrundstück war bereits im Besitz der Stadt, und wir können eine direkte Zufahrt von der Autobahn zur Klinik ohne Durchfahrt durch die Stadt realisieren.“
Das erhöhte Arbeitsplatzangebot zieht den Bedarf an Wohnungen nach sich. Etwa 1000 Wohnungen werden es nach der kompletten Bebauung des elf Hektar großen Areals der ehemaligen Glashütte sein, die eine lange Historie hat. In der 2012 stillgelegten Glasfabrik wurde 1886 die erste Champagnerflasche geblasen.


Für die Beschäftigten des Software-Spezialisten Powercloud gibt es direkt neben dem Betrieb Wohnraum. Mit dem Konzept „Arbeiten und Leben“ wird den rund 200 IT- und Software- Experten ein attraktives Umfeld geboten, heißt es in einer Pressemeldung des Unternehmens. Im Oktober eröffnet Powercloud auf den Illenauwiesen ihren IT-Campus. Neben der Firmenzentrale gibt es 140 Wohnungen und ein Hotel. Das Projekt hat insgesamt ein Volumen von 85 Millionen Euro.
Der Acherner Marco Beicht gründete das Unternehmen 2012. Im April wechselte er vom operativen Geschäft in den Beirat. Mittelweile ist aus dem einstigen Start-up ein Mittelständler mit über 400 Mitarbeitenden geworden, der an mehreren Standorten weltweit agiert. Die Powercloud GmbH bietet IT-Lösungen für die Energiewirtschaft. Es seien auch andere Standorte wie Leipzig für den IT-Campus von Powercloud infrage gekommen, berichtet Klaus Muttach. „Aber Achern ist eben flexibler und beweglicher als große Städte.“
Mit dem neuen Klinikum, der Revitalisierung der Illenau, dem Stadtquartier Glashütte und der Umgestaltung des alten Rathauses im Stadtkern mit Bibliothek, Veranstaltungsraum, Tourist Information und Bürgerservice sind viele seiner wichtigen Ziele umgesetzt worden oder politisch auf dem Gleis. Wie es für den umtriebigen Oberbürgermeister weitergeht, will er noch nicht verraten. Die Acherner können sich aber sicher sein, dass sie ihn weiterhin wie gewohnt auf dem Fahrrad antreffen. Vielleicht hat er bald mehr Zeit für Mountainbiketouren auf den Hausberg Hornisgrinde. Auf dem Gipfel mit seinen rund 1000 Höhenmetern lässt sich weit blicken – auch über Achern hinaus.